Courtesy of Galerie b2, Leipzig
Eröffnung:Freitag, 5. Juni 2015, 19.00 Uhr
Galerie b2_ Spinnereistr. 7 04179 Leipzig
Auszüge aus dem begleitenden Text "Sprache als Ding"
von Maik Schlüter
"Letter" heißt die aktuelle Ausstellung und der Titel einer Arbeit von Anna Vovan. Letter steht im Englischen sowohl für den einzelnen Buchstaben als auch für den Brief. Die titelgebende Arbeit besteht aus 135 A4-Blättern, auf denen aber weder Buchstaben noch Worte zu erkennen sind. Abstrakte schwarze Formen sind auf hochformatigen Blättern im oberen Drittel platziert. Diese erinnern mal an fette schwarze Wülste, dann an die Umrisse einer Sprechblase oder die äußeren Linien eines Graffitis. Sie lassen aber auch einen Vergleich mit Schwärzungen zu, die in zensierten Texten zu finden sind. Alle Versuche in der Arbeit ein Schriftbild oder einen lesbaren Text zu erkennen scheitern. Die schwarzen Formen sind wie blinde Flecken in der Logik des Sprechens und Schreibens. Dennoch basieren sie explizit auf Schrift und tragen in sich den gesamten Inhalt eines Briefes. Denn die Worte der handschriftlichen Aufzeichnung ihres Großvaters hat Anna Vovan so weit vergrößert, dass Strukturen und Relationen des Schriftbildes unleserlich werden. Die Betrachter sind ausgeschlossen aus dem System einer wie auch immer gearteten Mitteilung. Anna Vovan bringt auf dieser Ebene ein tiefes Misstrauen gegenüber der Sprache zum Ausdruck. Sprache und Schrift werden mit ihren eigenen Mittel konterkariert. Die Künstlerin übermalt nicht im Sinne einer Schwärzung, vielmehr erscheint die Visualisierung wie ein Vordringen in den Prozess der Wortfindung selbst. Sprache wird in Anna Vovans Arbeit zu einem undefinierbaren Ding.
In “'V. Woolf (28.03.1941)” von 2015 zeigen sich die Hilflosigkeit und die Verzweiflung, die mit einem Verlust der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten einhergehen. Virginia Woolfs Abschiedsbrief, auf dem die Arbeit basiert, ist ein berührendes Dokument der Angst, der Krankheit und der Erkenntnis, nichts mehr sagen zu können. Anna Vovan reduziert die ohnehin schon knappen Aussagen auf die Personalpronomen. Dazwischen liegt scheinbar die Welt, die aber nur dann Sinn macht, wenn sie in einer Beziehung gespiegelt wird. Die durch Depression und Wahn verursachte Sprachlosigkeit bedeutet einen existenziellen Verlust der Verbindung zum geliebten Menschen und zum Leben.
Dieser Zusammenhang findet sich auch in den Filmbildern mit den Titeln wie "It we" oder "I you me" oder "I her"(2015). Hier aber nicht in einem authentischen Bekenntnis, sondern vielmehr in dem nie abreißenden Strom an Bildern, Worten und Geschichten, wie sie die Filmindustrie produziert. Anna Voran generiert aus Filmsequenzen einzelne Bilder und legt diese in einem Sandwichverfahren übereinander. Es sind aber nicht die Bilder, die ihre Auswahl leiten, sondern eingeblendete Untertitel, die synchron zum gesprochenen Text, Worte und Handlungen lesbar werden lassen. Vovans Interesse gilt auch hier ausschließlich den Personalpronomen. Jeder Satz und jeder Dialog wird mit diesem Vorgehen reduziert auf einen Aspekt von Beziehung, Kontaktnahme, Ansprache oder Zuschreibung. Übrig bleibt eine existenzielle Reduktion auf verbale menschliche Interaktion. Aber in der Endlichkeit der Themen und Worte liegt auch eine Unendlichkeit der Bedeutung und Kombinatorik begründet. Die Arbeit “Gap” (2015) zeigt unter einer Hälfte der Tür hindurch geschobene Fotopapiere, die im Raum und mit dem vorhandenen Licht belichtet wurden. Der Spalt unter der Tür ist Barriere und Öffnung zugleich. Eine Möglichkeit trotz der Grenze miteinander zu sprechen. Eine unter der Tür hindurch geschobene Nachricht kann eine Bitte, ein Hilferuf oder ein Komplott sein. In jedem Fall eine Möglichkeit, die Monade der Subjektivität zu überbrücken. Formale Abstraktion und inhaltliche Reduktion in den Arbeiten von Anna Vovan stellen die Worte in Frage, nicht aber den Akt der Kommunikation.
© Maik Schlüter, 2015