„Fjármálahjlóð“ – Philipp Valenta

Cover zur Ausstellung „Fjármálahjlóð“ von Philipp Valenta
„Fjármálahjlóð“ – Philipp Valenta, 2020

Verein Junge Kunst e.V., Wolfsburg

4. September bis 21. November 2020

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog
Text von Maik Schlüter u.a.

Katalogbeitrag:

„In der abstrakten, nicht einmal von Ökonomen angemessen verstandenen Sphäre der Geldkreisläufe sind Bilder eine Möglichkeit, das Unheimliche der Dauerkrise, in der wir stecken, greifbar zu machen.“ Thomas Groß, Die Zeit, 12. Februar 2015

Gespenster sehen
von Maik Schlüter

Der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher spricht von Gespenstern[1]: Immer dann, wenn Menschen spüren, dass sie den Anforderungen, die an sie gestellt, nicht gerecht werden können, wenn sie den Überblick und die Kontrolle verlieren, werden sie zu Heimgesuchten. Heimgesucht von unguten Gefühlen, von Verlustängsten, Depressionen und einem latenten Druck, der ihr Denken, Handeln und Fühlen bis in die feinsten Kapillaren durchdringt. Erklärungen dafür gibt es in der Kapitalismuskritik viele: Entfremdung, Verdinglichung, Gewinnstreben, Auflösung von moralischen Kategorien, ungerechte Abhängigkeitsverhältnisse und allgegenwärtige Verteilungskämpfe. Die Formel lautet: Wenn es Gewinner gibt, muss es auch Verlierer geben. Ein prinzipielles und strukturelles Problem. Auch wenn alle wissen, dass Sicherheit immer nur als labiles Gleichgewicht gedacht werden kann und das alle einen Preis zahlen müssen, tun sie so, als ob es die Gespenster der Angst, der Krise oder des Niedergangs nicht gäbe. Zwar hört man das Kettenrasseln und sieht merkwürdige Schatten, aber eine einfache kausale Kette der Zusammenhänge lässt sich kaum nachverfolgen. Zu groß sind die Abstraktionen, die das soziale und ökonomische Leben prägen. Globale Kontexte. Lokale Konsequungen. Die eigene Sphäre befindet sich auf einem ständigen Kollisionskurs mit der großen Politik. Überall sind die Gespenster, die man erahnt, die man fürchtet, die man verdrängt und schönredet, die aber geistergleich die Stimmung trüben.

Hier muss die Kunst intervenieren und im Brecht’schen‘ Sinne „etwas aufbauen“[2]. So wie im Horrorfilmklassiker „Der Unsichtbare“[3] der Protagonist nur durch die um den Körper gewickelten Bandagen sichtbar wird, kann auch die künstlerische Bildproduktion, die Gespenster sichtbar machen. Das nostalgische Schlossgespenst mit Kugel, Kette und Bettlaken wurde allerdings ersetzt durch Vampire, Zombies und Kannibalen. Wer in diesen Kontext Gespenster jagt, braucht mehr als ein paar Bandagen oder einen einfachen Holzpflock.

Wenn ökonomische Prozesse und Prinzipien als ästhetische Form im Kunstraum auftauchen kollidieren die Erwartungen. Das Unsichtbare wird sichtbar. Konkretes wird abstrakt und umgekehrt. Wenn statt abstrakter Formen gesellschaftliche Prozesse thematisiert werden, passen die Klischees nicht mehr zusammen. Die gleichzeitige Durchdringung aller Formen, der ständige Wechsel der Bedeutungen und die Instabilität von Werten macht das geisterhafte dieser Prozesse aus. Wir wissen nie, ob der „Unsichtbare“ im Raum ist oder nicht.

Die schlichten Kurven der Börsenmärkte stehen gleichzeitig für ein Höchstmaß an Abstraktion. Wenn der Krisenmodus ausgerufen wird, sind die wichtigsten Meldungen des Tages die Kursschwankungen. Dann werden Abstraktion und Konkretion gegeneinander ausgespielt. Zwar sind Kontostände klar definiert und jedes Produkt hat seinen Preis. Aber welchen Wert die vermeintlich immateriellen Güter der Kultur besitzen, bleibt ungeklärt. Die Logik des Marktes prägt auch seine Ästhetik und ist damit eine Variante der Gespensterproduktion: Eine Chimäre, die mal konkret greifbar ist und dann wieder im Nebel der Abstraktion verschwindet. Die Kunst kämpft mit den Geistern, die die Gesellschaft rief und nicht mehr loswird.

Maik Schlüter, Juli 2020

  1. (1) Mark Fisher, Capitalist Realism. Is There No Alternative?, Winchester, 2009
  2. (2) zitiert nach: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften Bd. 1 und 2, Frankfurt M., 1977
  3. (3) The Invisible Man, Regie: James Whale, 1933, USA