Ich bin, was du willst

Figur I, Figur II

Andrzej Steinbach
Figur I, Figur II

Sprengel Museum Hannover
1 Juli 2015 - 10.Januar 2016

Figur I, Figur II
Figur I, Figur II

Figur I, Figur II, Copyright by Andrzej Steinbach, 2015

Ich bin, was du willst / taz. die tageszeitung, 03.07.2015
von Maik Schlüter

Gloria Gaynor sang 1983: “I am what I am”. Ursprünglich wurden Text und Musik für das Musical ein “Käfig voller Narren” vom Komponisten Jerry Herman geschrieben. Hermans Song war ein Bekenntnis: Schwule, Lesben und Transsexuelle sollten sich trotz aller gesellschaftlicher Repressionen zur ihrer sozialen Identität bekennen. Gut 30 Jahre später nutzte ein großer Sportartikelhersteller den Songtitel als Slogan für eine Werbekampagne. Jetzt durften Stars aus Sport, Musik oder Film stolz verkünden, warum sie so sind wie sind. Der Titel mutierte zur Phrase. Das sogenannte Ich war nur noch Projektion und kommerzielle Suggestion. Die Werbeversion verwandelte die sozio-politische Dimension des Songs in eine egozentrische Botschaft: “Ich bin was ich bin“ bedeutete nun nichts anderes, als das die Subjekte vereinzelt sind und das jedes von ihnen ausschließlich seine eigenen Ziele verfolgt. Die unwirtlichen sozialen, psychologischen oder ökonomischen Härten der Identitätsfindung wurden durch eine Erfolgsgeschichte ersetzt. Unvollendete, gebrochene oder gar kollektive Biografien waren von dieser Botschaft ausgenommen.

Für seine 186-teilige fotografische Bildserie porträtierte Andrzej Steinbach (*1983) zwei junge Frauen in einem neutralen Raum aus wechselnden Perspektiven. Aber schon der Begriff Porträt verzerrt die Vorstellung von der umfangreichen Arbeit in großformatigen s/w Bildern. Denn eine psychologische Interpretation von Person und Situation erscheint nahezu unmöglich. Zu konstruiert und zu distanziert erscheint das Setting, als dass man als Betrachter mit herkömmlichen Mustern der Lesart von Fotografien weiter käme. Daher ist auch der nüchterne Titel “Figur I, Figur II” die beste Beschreibung der Anordnung. Steinbach umkreist seine Modelle mit der Kamera. Die erste Figur wechselt innerhalb der Serie häufig die Kleidung und die Position. Die junge Frau erscheint androgyn, ist sie doch sehr schlank und hat sich den Schädel komplett rasiert. Auch der Gesichtsausdruck wirkt neutral. Die Kleidung besteht aus verschiedenen Variationen von aktueller Streetwear wie Collegejacke, Hoody, Cargo Hose oder Basecap. Steinbachs Bilder lassen sich nicht eindeutig zuordnen: folgt er mit seiner Arbeit einer analytischen Typologie der urbanen Mode oder sind die Bilder für ein Modeshooting entstanden, bei dem die vermeintlich künstlerische Ästhetik ganz selbstverständlich angewendet wurde? Steinbach hält seine Bilder bewusst indifferent, um die wechselnden Bedeutungen von Stilen, Moden oder Typen sowohl auf der Ebene von persönlichen Identifikation wie auch auf der Ebene der Bedeutung von Bildern deutlich zu machen. Die Arbeit wirft Fragen auf zum Verhältnis von Gesellschaft und individueller Identität, von Mode und Mimesis, von Subkultur und Mainstream und verweist auf Formen der Selbstinszenierung aller Individuen, die sich in einer westlichen Industriegesellschaft definieren müssen.

“I am what I am” war vermutlich schon immer eine fragwürdige Aussage, die im Kontext des alten Diktums vom Arthur Rimbaud (“Ich ist ein anderer”) und der neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaft und einer dezidierten Kapitalismuskritik fast albern erscheint. Dennoch: auch eine komplexe Theorie zum Subjekt befreit niemanden von der Fragestellung: “Wer bin ich?” Ein wesentlicher Impuls der Subkultur begründete sich in einem massiven Widerspruch gegenüber der Logik des Elternhauses, der Schule und aller anderen Institutionen und Abläufe, die Konformität einforderten. In Steinbachs Arbeit ist es kaum möglich diesen Begriff zu verfolgen. Ist die junge Frau ein Skinhead- oder Rudegirl? Nutzt sie ihre androgyne Erscheinung als Mittel der Provokation, um erstarrte Geschlechterrollen zu demaskieren oder geht es um rassistische Stereotype, wenn das zweite, dunkelhäutige Model explizit die Posen der hellhäutigen und kahlrasierten Figur aufnimmt und weiterführt? Wir sehen in der zweiten Bildfolge wie sich diese weitere Figur zu Vermummen beginnt: mit einem Halstuch, einer Sturmhaube oder mit einem T-Shirt. Aus Streetwear wird radical chic und aus Mode ein Outfit für den Straßenkampf, denn die Verhüllung des Gesichts würde gegen das Vermummungsverbot bei Demonstrationen verstoßen.

Steinbachs Arbeit lässt sich am besten mit eindeutiger Uneindeutigkeit beschreiben. Die klare Bildsprache verspricht Nähe und Authentizität, hinterlässt aber eher ein Gefühl von Distanz und Irritation. Damit thematisiert er auch ganz bewusst die Grenzen und Sehnsüchte, die nach wie vor an die Fotografie als Medium der Information, der Exotik, der Erotik, des Schocks oder der kommerziellen Faszination herangetragen werden. Die neueste Mode und die aktuelle Kritik an Formen mimetischer Identifikation werden von ihm in einer geradezu klassischen Anordnung zwischen weiblichem Model und männlichem Fotografen konterkariert. Damit bleibt das Ganze in einem produktiven Sinne in der Schwebe. Form und Inhalt sind variabel, dennoch bleiben bestimmte Aussagen sinnvoller als andere. Die Tautologie vom Ich als Ich macht in politischen und kulturellen Konflikten als Zuspitzung der Kritik immer noch Sinn: als legitime Forderung um der Normierung zu entgehen. Als bloße Hülle, als gekaufte Attitüde oder als aufgezwungene Verhaltensregel funktioniert das Projekt der “Ichwerdung” nicht. Nicht zufällig zitiert das “Unsichtbare Komitee” in ihrem Text “Der kommende Aufstand”(2007) den Songtitel “I am what I am”. Allerdings bezeichnen die Autoren/innen den zum Werbeslogan verkommenen Titel als Militärkampagne, die jede Verbindung zwischen den Menschen leugnet und eine Vorstellung von einem möglichen Kollektiv gar nicht erst zulässt. Das Ich definiert sich in einer leistungsorientierten Gesellschaft immer in Konkurrenz zu anderen. Das Ich ist eine Trutzburg oder ein Panzer, in jedem Falle eine Funktionseinheit. In diesem Sinne erscheinen die Genauigkeit des Fotografen, das Selbstbewusstsein der Modelle und die Vielschichtigkeit der Aussage fast als Utopie.

© Maik Schlüter, 2015

Zur Ausstellung erscheint die Publikation

Figur I, Figur II,
186 Abbildungen
Design by Hit, London / Berlin
20 Euro
spectorbooks.com

Figur I, Figur II