zur Ausstellung INCOGNITO
Museum Folkwang
18. März - 15. Mai 2016
Die Gefälligkeit ist eine Falle // Maik Schlüter
Tomi Ungerer ist ein rastloser Allestuer. Schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren tat er sich in New York als unkonventioneller Grafiker, Illustrator und Plakatkünstler hervor. Immer wieder hat Ungerer provoziert: mit scharfer gesellschaftlicher Kritik, als beißender Satiriker und clownesker Humorist. Aber auch als besessener Erotomane, der in seinen Zeichnungen die Abgründe der sexuellen Lust und Abhängigkeit zeigte. Gleichzeitig war und ist er ein sensibler Kinderbuchautor, der Klassiker wie “Die drei Räuber” oder “Der Mondmann” verfasst hat. Tomi Ungerer beherrscht alle Formen der Zeichnung, er ist ein brillanter Autor und arbeitet seit seinen künstlerischen Anfängen auch mit Objekten und Collagen. Im Museum Folkwang in Essen zeigt er jetzt einen veritablen Überblick seiner neuen Arbeiten. Die Collagen des 84jährigen Künstlers wirken dabei äußerst frisch und vital. Ungerer schreibt die lange Geschichte der Collage souverän fort und agiert dabei auf Augenhöhe mit den Klassikern des Genres. Die Arbeiten können sich mit Collagen von Richard Hamiliton, Martha Rosler oder John Baldessari bis hin zu aktuellen Arbeiten von John Stezaker oder Dash Snow messen. Im Interview spricht er über sein Selbstverständnis als Künstler und warum er die Collage als “absurd-reales Medium” schätzt.
Maik Schlüter: Sie verfolgen Themen und Techniken über lange Zeiträume. Es gibt in der aktuellen Ausstellung Arbeiten aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, die nahtlos an aktuelle Collagen und Skulpturen anschließen. Woher kommt diese Kontinuität?
Tomi Ungerer: Eigentlich war das immer meine Sorge, keine Kontinuität in meinem Werk zu haben. Ich bin rastlos und muss auch meinen Spaß haben. Ich bewundere Künstler, die ein schlüssiges Werk haben, aber auf meine Arbeit lässt sich der Begriff nicht anwenden. Ich brauche die Herausforderung, den Wechsel. Aber ich muss auch sagen, mein ganzes Leben lang war ich nie zufrieden mit meiner Arbeit. Wenn ein Buch fertig ist, dann wird es weggespült, dann will ich es nicht mehr sehen. Erst in den letzten Jahren habe ich das Gefühl, dass die Dinge zusammen kommen. Collagen habe ich schon immer gemacht, schon seit den Fünfzigerjahren. Langsam bin ich auch davon überzeugt ein Künstler zu sein. Es klingt süffisant, aber nach all den Jahren bin ich zum ersten Mal zufrieden. Für mich war eine Ausstellung immer ein Martyrium, nicht die Bilder wurden aufgehängt, sondern ich selbst.
MS: Trennen Sie ihre angewandte und freie Arbeit? Wo ordnen Sie die Collagen ein?
TU: Ja, ich empfinde da auch Scham. Die Werbegrafik, das war Werbung und es war rein kommerziell. Bei den Zeichnungen ist es anders. Gerade bei den großen Blättern, wie bei “Slow Agony” (1983), die haben mich nachhaltig überzeugt. Auch die Illustrationen sind anders, wenn es sich um Satire handelt. Wenn ich z. B. die Konsumgesellschaft kritisiere, dann finden sie den Konsum nicht im Bild. Für die Collagen gilt das nicht. Da nutze ich die Wirklichkeit, es gibt diese Bildwelt, sie ist real. Mein Kult ist aber das Absurde. Und die Wirklichkeit ist absurd. Auf den Collagen wird durch das Ausschneiden und Zusammenfügen die Absurdität betont. Mir gefällt die Täuschung. Mit den Collagen hat man auch ein größeres Täuschungsvermögen.
MS: Wo ist der Unterschied zwischen der Zeichnung und der Collage? Sie sagen, dass sie bei den Zeichnungen immer wieder skizzieren, verwerfen und neu anfangen…
TU: Bei den Collagen ist das ähnlich. Viele werfe ich einfach weg. Wissen Sie, ich habe das Gefühl, ich habe alles gezeichnet, was man zeichnen kann. Ich kann sagen, ich bin der Chronist eines halben Jahrhunderts. Ich habe alle Sujets systematisch gezeichnet: Drogen, Krieg, Konsum, Unrecht, Sexualität, Tod. Und jetzt bei den Collagen kann ich dasselbe tun. Aber es ist viel stärker: It’s for real! Auf einer der Collagen sieht man z. B. Männer in Unterhosen, die halten Gewehre in den Händen. Das habe ich so in einem Katalog gefunden, das ist keine Collage, so etwas gibt es nur in Amerika. Das ist absurd!
MS: Wie entstehen die Collagen? Arbeiten sie mit Papier, Schere und Kleber? Woher stammt das Ausgangsmaterial?
TU: Ich bewege die Bilder u. a. über den Kopierer, da entstehen Verwischungen, die sieht man auf den aktuellen Arbeiten. Und dann benutze ich jetzt Wellblechimitationen aus Kunststoff als Trägermaterial, das ist transparent, da klebe ich die Ausschnitte und Kopien drauf, die Extensionen interessieren mich. Einen großen Teil des Materials, das sie hier sehen, hatte ich schon in New York in den Sechzigerjahren ausgewählt. Ich habe die mitgeschleppt, diese Bande von Saubürgern aus dem Holiday Magazine! Fast alle Bilder und Objekte habe ich aber erst jetzt zusammengefügt. Ich habe das Material über New York nach Kanada bis nach Irland gebracht, wissend, dass ich es irgendwann benutzen werde. Die Vision hatte ich, aber die Zeit war noch nicht gekommen. Das beantwortet vielleicht ihre Frage nach der Kontinuität.
MS: Arbeiten sie allein?
TU: Bei den Collagen war mein Verleger Philipp Keel ein wichtiger Impulsgeber. Er ist Perfektionist und ich kenne ihn schon seit er ein Kind war. Er hat mich ermutigt und mir technische Tipps gegeben. Er hat mich darauf gebracht, dass die Collagen größer sein können und mit wenigen Elementen auskommen können. Ausgangspunkt ist immer die Idee, ich bin ein Ideenkünstler.
MS: Und häufig ist die Idee, scharfe Kritik? Sie kritisieren den Stumpfsinn, die Zerstörung, den hemmungslosen Konsum, die Entfremdung der Menschen.
TU: Ja, ich habe die Misere der Menschheit gezeichnet: verhungernde Kinder, tote Soldaten, Maßlosigkeit etc. Aber in den Collagen sind diese Sachen real. Das schlägt einem stärker in die Fresse! Ich bin ein Schlagwortmensch! Und ob die Collage Kunst ist oder nicht, das ist mir egal. Ob ich ein Künstler bin oder nicht, das ist alles sehr relativ. In dieser Hinsicht nehme ich mich nicht ernst. Ich bin mir selbst gegenüber nicht besonders hochachtungsvoll. Aber zurück zur Frage: Ich sehe, das alles bloß schlimmer geworden ist, wir stehen eigentlich kurz vor der Apokalypse, jetzt können wir nicht mehr zurück. Auch wenn ich mich selbst nicht ernst nehme, einige meiner Arbeiten rühren mich zu Tränen
MS: Sprechen wir über ihr Selbstverständnis und über die Vielfalt ihrer Arbeiten. Bei der frühen Werbegrafik und der Plakatkunst angefangen, zu den Kinderbüchern, den Satiren, den erotischen Konvoluten bis hin zu den Skulpturen und aktuellen Collagen.
TU: Ja, die Vielfalt, es ist ein Alptraum, ich bin ein zerstreuter Allestuer, deshalb kann ich mich nicht ernst nehmen. Ich sehe einen Künstler, der hat seinen Stil, der entwickelt und bearbeitet das sein ganzes Leben. Und was hat er dann? Ein Werk! Aber das Wort Werk kannst du bei mir nicht benutzen. Ich bin ein spontaner Typ, ich muss raus aus dem System. Mein Ärger, mein Zorn, mein Ekel, besonders mein Ekel, das muss raus, egal wie. Ich schreibe, was ich zeichne und ich zeichne, was ich schreibe, ich bin ein Aufzeichner, ein Chronist, auch in den Collagen. Für mich ist es wichtig keine Gefälligkeiten zu liefern. Die Gefälligkeit ist eine Falle.
MS: Sind sie Moralist?
TU: Ja, unbedingt! Aber ich bin ein Moralist der Relativität. Es ist wie in meinem Buch “Die drei Räuber”: Das Böse lernt vom Guten, aber das Gute kann auch vom Bösen lernen. Das ist wie bei Wilhelm Busch, da gibt es keine Eindeutigkeit. Ich war schon als Kind sehr beeinflusst von Busch, vom Zeichner, aber auch vom Autor. Ich glaube an den Zweifel. Für mich ist der Zweifel ein offenes Konzept. “Warum nicht?” frage ich. Alles ist möglich.
MS: Die Collagen haben neben der Kritik und dem Absurden vor allem einen surrealen Charakter, verbindet das die Arbeiten mit dem offenen Konzept des Zweifels?
TU: Ja, unbedingt! Ich war immer Surrealist.
MS: Mehr Surrealist als Existenzialist?
TU: Wer kann dieses Wort schon erklären: Existenzialist. Ich bin kein Intellektueller, aber ich sage, eine Philosophie ohne Rezept und Anleitung ist nutzlos. Aber der Surrealismus, der war schon in den frühen Arbeiten drin: in meinem “Underground Sketchbook”(1973) und vor allem in den Kinderbüchern. In dem Buch “Papa Schnapp”(1973) gibt es ein hungriges Sofa und wer sich darauf setzt wird aufgefressen. Die Polster sind aus Gedärmen. Das ist Surrealismus. Er ist die Konsequenz des Absurden.
MS: Wie ist es mit dem Älterwerden? Verliert man Ängste und Zwänge, setzt sich leichter über Konventionen hinweg?
TU: Über Konventionen habe ich mich schon immer hinweggesetzt. Mit der Angst ist es anders, die Angst kann man zwar bezwingen, nicht aber die Ängstlichkeit, die sitzt tiefer. Aber ich bin trotz aller Angst und aller Selbstzweifel, trotz des Krieges und der Nazibesetzung gut aufgewachsen. Meine Mutter hatte keine Angst, sie hat der Gestapo offen widersprochen. Ich kann sagen, dass ich im Alter von zehn Jahren schon alle Meinungen und Erkenntnisse hatte, die ich auch heute noch habe. Ich hatte schon alles gesehen, was man sehen konnte.
MS: Aber es sind nicht bloß die Erinnerungen und die Vergangenheit aus denen sich ihre Arbeit speist?
TU: Nein, ich habe immer gesammelt und gedacht und gelesen, es gibt viele Quellen. Ich lebe in einem Überfluss von Material, es ist monströs, was ich in den Jahren gesammelt habe. Ich habe das alles beschriftet und in Schubladen gelagert: eine für Tiere, eine für Krieg oder auch eine für rohes Fleisch und Würste. Es ist auch Zeitvertreib. Ich bin jetzt 84 Jahre alt, ich habe ein Auge verloren und wenn ich müde bin, zu müde um zu lesen, dann nehme ich das Material und schneide es aus. Ohne Ziel, ich schneide es aus und mit einem Mal findet es dann seinen Platz in einem absurden Zusammenhang. Jemand hat mich mal als “Schnellkünstler” Ungerer bezeichnet und das bin ich. Ich arbeite viel und ständig, bis heute.