von Maik Schlüter
Alexandra Gaul arbeitet mit Worten, Skulpturen, Installationen, Zeichnungen oder Fotografien. Die Wolfsburger Ausstellung “GOOD / BAD / OTHER” ist eine komplexe Gesamtinstallation, die zeigt, wie profund Gaul verschiedene Materialien wie Holz, Gold, Keramik oder Textil zu eigenwilligen Collagen, Miniaturen oder raumgreifenden Installationen ausarbeitet. “0 POINTS“ steht formatfüllend auf ihrer Einladungskarte. Der Titel verweist auf eine grundsätzliche gesellschaftliche Konstitution, die alles und jeden bewertet und jede Handlung, Idee, Position und Person unter der Perspektive eines Wettkampfes beurteilt. Null Punkte: Nicht bestanden! Aber neben den schematischen Zuordnungen von falsch oder richtig gibt es immer auch noch andere Kategorien der Beurteilung und die Möglichkeit, die Dinge grundsätzlich anders zu machen und sich dabei nicht auf eine einfache Gewinn-und-Verlust-Rechnung einzulassen.
Immer wieder schreibt Alexandra Gaul ihren Objekten eine persönliche Note oder Widmung ein und hebelt die saturierte Logik von Binsenweisheiten souverän aus. Sie schafft es, durch eine sprachliche oder bildliche Drehung neue (Sinn-) Zusammenhänge sichtbar zu machen. Wie wird man, was man ist, und wer hat das Recht, ein Urteil darüber zu fällen? Gibt es so etwas wie eine wertfreie Analyse? Die (Grund-)Sätze, die Gaul für ihre Arbeit “Manchmal könnte ich Bäume ausreißen“ (2015) auf schwarze Tafeln im DIN-A4- Format geschrieben hat und in der Ausstellung zeigt, stammen neben von ihr selbst verfassten Sätzen aus einer psychologischen Studie und bilden das ganze Panorama gesellschaftlicher Stereotype ab.
Andere Arbeiten von Alexandra Gaul zeigen eine fragile, stille und anrührende Welt. Immer wieder geht es in ihren Arbeiten um Anerkennung. In engen und intimen Beziehungen, aber auch aus der soziologischen Sicht des sozialen Rollenspiels. “Für die Anderen“ (2015), eine zentrale Arbeit der Ausstellung, zeigt kleine schwarze Keramikfiguren, die in einer Holzkiste hinter Glas eingesperrt und auf Geld gebettet sind. Ausgestreckt und entspannt, den Mammon anbetend oder das Geld zählend, sind die Figuren ausschließlich mit dem Huldigen des fiktiven und wandelbaren Wertes verschiedener Währungen beschäftigt.
Alexandra Gaul zeigt in ihrer aktuellen Ausstellung, dass neben der bipolaren Weltsicht der vermeintlichen Analysten, Erklärer und Bestimmer eine weitaus dezidiertere Formensprache und Materialauffassung, eine zärtlichere Erzählweise, ein intelligenterer Witz und mehr Freiheit in der Kunst existieren. Jenseits aller Stereotype.
Auszug aus dem Essay “Jenseits der Stereotype“ , © Maik Schlüter, 2015