Menschen des 21. Jahrhunderts

von Maik Schlüter / taz, die tageszeitung, 24.03.2016

Heidi Specker, 2015
© Heidi Specker, 2015

“IN FRONT OF “- Heidi Speckers aktuelle Arbeit in der Berlinischen Galerie

Die Welt wird von Bildern beherrscht. Die Macht der Bilder ist ungebrochen, ihre Vielzahl an Erscheinungsformen ist Stoff für unzählige Abhandlungen zur Mediengeschichte. Trotz aller Aufklärung haben Bilder immer noch eine ungemein emotionale Macht und sind zentraler Bestandteil unserer Selbstwahrnehmung. Visuelle Attraktionen, Täuschungen und Verführungen finden sich überall. Gerade die technischen Bilder, allen voran die Fotografie, bestimmen als Reportage und Nachrichtenbild, alltägliches Selfie oder Werbe- und Filmbild unsere Weltsicht. Perfektion und Intensität sind dabei die stärksten Waffen im Kampf um die Kolonisation des Bewusstseins.

Umso größer ist der Schock, wenn fotografische Porträts als unvorteilhaft und verzerrend empfunden werden. Die entglittenen Züge, die Falten und Wölbungen des alternden Körpers oder der dümmliche Blick: All das scheint unser Selbstbild zu konterkarieren und den Wahrheitsanspruch der Fotografie in Frage zu stellen. Nach mehr als 160 Jahren Fotografie Geschichte müssten wir es besser wissen: Die Fotografie ist kein Medium, das auch nur im Ansatz den Anspruch auf Authentizität erheben kann. Jedes Bild ist eine Stilisierung der Wirklichkeit, ein forciertes Abbild, stillgestellt und fokussiert. Das gilt für jede Fotografie und betrifft uns beim Porträt unmittelbar. Die Geschichte der Porträtfotografie ist vielgestaltig, voller formaler Wendungen und in ganz unterschiedlichen Kontexten zu finden: als Mittel der Repräsentation, als privates Andenken oder als erkennungsdienstliches Dokument.

Und dann gibt es die Fotografie im Kontext der bildenden Kunst, die gleichermaßen Ästhetik und Psychologie, gesellschaftliche Bedeutung und historische Einbettung des Porträts reflektiert. Wenn die 1962 in Damme geborene Fotografin Heidi Specker aktuell in der Berlinischen Galerie unter dem Titel “IN FRONT OF” (2015) eine 70teilige Porträtarbeit vorlegt, dann zeigt sich schnell, dass es der Künstlerin um eine intensive Durchdringung des Phänomens und eine Infragestellung der Abbildungsmöglichkeiten von Person und Persönlichkeit geht. Specker nimmt sich in der aktuellen Ausstellung zum ersten Mal dem Porträt an. Und tut dies mit der gleichen Mischung aus Intelligenz und Intuition, die auch ihre früheren Arbeiten prägte. In denen hatte sie meist urbane Räume und Architekturen visuell durchkreuzt und immer wieder die große Lücke zwischen Ding und Bild betont. Oder den Widerspruch zwischen Natur und Kultur thematisiert. Speckers Oeuvre zeigt deutlich, dass es die Fotografie als universelles Medium nicht gibt. Die Fotografie ist keine Sprache, die überall gleich verstanden wird. Wie jede Sprache folgt sie einer bestimmten Grammatik und Zeichenhaftigkeit. So wenig wie das Wort, das Ding, dass es beschreiben soll, wirklich trifft, verfehlt auch die Fotografie ihren eigentlichen Gegenstand und schafft ein Bild, dass mal mehr, mal weniger nah an der Wirklichkeit ist.

Das Porträt zeigt diesen Umstand am deutlichsten, betrifft es uns doch unmittelbar als Menschen. Schauen wir in das Antlitz eines anderen, schauen wir auch in unser eigenes Gesicht. Oder eben nicht. Denn Bilder sind stets geprägt von Manipulationen, Abhängigkeiten und Projektionen. Und genau an dieser Stelle hakt Heidi Specker ein. Sie zeigt uns Porträts in der Halbtotalen, im Anschnitt, im Profil oder im Detail. Und kombiniert diese mit Raumansichten und merkwürdigen Stillleben von Accessoires. Sie zeigt Gesichter, die frontal in die Kamera schauen oder sich wegdrehen, Personen, die scheinbar umkreist werden oder deren Gesicht zur Kamera gedreht wird. Auf einigen Bildern ist das Antlitz gänzlich verdeckt. Specker dreht die Schraube der visuelle Verwirrung und Verweigerung aber noch weiter und zeigt uns z. B. die (künstliche) Grafik eines Katzenkopfes als Aufdruck auf einem Sweatshirt. Gleichzeitig werden im Anschnitt die giftgrün gefärbten Haare einer Person oder Perücke sichtbar. Wir sehen alles, aber kein Gesicht. Und was wir sehen, ist Teil einer visuellen Kultur der Verfremdung, der Überzeichnung, der Unterstellung oder einer absonderlichen Infantilität. Specker stemmt sich mit den Mitteln der Fotografie gegen deren Wirkungsmacht und seziert das Medium, ohne dabei akademisch zu sein.

Soziologisch betrachtet ist der Porträtdiskurs reich an medialen, ästhetischen, psychologischen und historischen Verweisen. Die Bildgeschichte reicht von den ersten verkrampften und stillgestellten Porträtsitzungen im 19. Jahrhundert über situative Fotografie auf der Straße bis hin zu konzeptuellen Ansätzen. Ein Großprojekt der Porträtfotografie war das Mappenwerk “Antlitz der Zeit” (1929) von August Sander. Systematisch und mit großer Präzision fotografierte Sander Typen unterschiedlicher gesellschaftlichen Schichten. Es ist offensichtlich das Specker dieser historischen Systematik nicht folgt, denn die Menschen des 21. Jahrhunderts sind weitaus schwieriger zu kategorisieren und sind auch zum Opfer ihrer eigenen medialen Darstellung geworden.

Dass es so etwas, wie das gültige Bild einer Person nicht gibt, zeigte schon Thomas Ruff Mitte der Achtzigerjahre mit seinen “Porträts”. Die zum Teil riesengroßen Bilder führten die Betrachterinnen in eine Bildwelt der Kälte und Undurchdringlichkeit. Speckers Vorgehen ist gänzlich anders, strukturalistischer, dezentraler und widersprüchlicher. Die Fotografie erscheint in ihrer Arbeit wie ein semantisches Kauderwelsch, das je nach Wissensstand und Interesse gelesen werden kann. Die unmögliche Möglichkeit des Porträts haben seit den späten Sechzigern Künstler wie Lee Friedlander oder Victor Burgin durch Bildstörungen, Sequenzen und theoretische Kommentare vorgeführt. Gleichzeitig gibt es immer auch die Schönheit und visuelle Verführung, wie sie z. B. Rineke Dijkstra in ihren frühen Arbeiten zeigte. Heidi Specker fügt der Diskussion einen wichtigen neuen Aspekt hinzu. Sie deckt die Verfehlungen der Fotografie auf, bleibt aber den Bildern treu und ist eine Komplizin der Porträtierten, gerade weil sie sie benutzt, ohne sie dabei zu kompromittieren. Die Bilder machen Lust auf immer mehr Bilder, auch wenn wir wissen, dass wir letztlich nichts über die Personen erfahren werden.

© Maik Schlüter, 2016